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Thessas Geburtstagseinladung via Facebook - oder wieviel Internet verträgt der moderne Mensch

Ein Artikel im Stern über eine Geburtstagseinladung im Internet, der tausende folgen wollen, verstetze mich in eine "Zeitreise" - und ich landete am Küchentisch bei meinen Einladungskarten. Die wurden übrigens nicht via Facebook verschickt, sondern auf dem Schulhof verteilt.
Ja, was, wenn man plötzlich tausende Freunde hat, die alle mit einem feiern wollen das man 16 wird? Arme Thessa, arme Eltern, bin ich froh, das ich so ein Problem nie hatte, ehrlich! Ich wäre reif für die Insel gewesen, mindestens.

Besser? Ne, besser war es damals sicher auch nicht. Man sass am Küchentisch und schrieb Einladungskarten in Sonntagsschrift mit dem schönen Händchen. Hätte ich damals schon gewusst, wie leicht die Kids das heute haben... ich glaube, ich wäre neidisch gewesen. Einfach Geburtstagseinladungen via Facebook verschicken und schon kommen die Freunde ins Haus, geile Erfindung, ehrlich. Ein Hoch auf die Facebook Einladungen! Hat mich das angekotzt, während andere Nachmittags spielen, durfte ich diese blöden Geburtstagseinladungen schreiben.

Da sass man dann, erstmal das Wachstischtuch in der Küche putzen. Unseres hatte damals coole, blaue Windmühlen, die haben wir immer auf Butterbrotpapier nachgezeichnet - entsprechend sah das auch aus. Ha, und gestritten haben wir, pausen wir nun ab, oder pauschen wir ab?
Das war ein ewiges Streitthema bei Regen - und: es gab kein Internet, wir konnten uns die richtige Antwort also malen und hatten eine Bunte. Ja, auch das war damals anders, was nicht im Lexikon stand, das durfte man im Zweifel nie erfahren. Geschweige denn Geburtstagseinladungen via Facebook verschicken - ne, alles ging ohne Internet, ohne Handy und MIT "in die Augen schauen beim sprechen".

Tütchen ist schon auf...

Komme mir gerade vor wie in der Müller Werbung für den Milchreis "schwarzwälder Kirsch" - Tütchen ist schon auf... Also nochmal, Tischtuch war schon geputzt, Einladungskarten drüber. Und von wegen, lecker Cola, Chips oder gar Schoki auf den Tisch, haha, haben wir gelacht, nene. Nichts, weil Fettflecken oder Ränder vom Glas hat die gute, alte Karte aus Papier nicht verziehen. Jaja, so gut wie heute, hätten wir das damals vielleicht auch gerne gehabt... oder doch nicht?

Nachdem wir den mütterlichen Donnerwetter weg hatten, was Essen und Trinken anging, hätte es ja eigentlich an die Arbeit gehen können, schnell was hingeschmiert, aber auch hier, liebe Facebook Gemeinde, die ihr das gar nicht mehr kennt, weit gefehlt. Auf dem Tisch wurde unter Mutters Aufsicht und Gemecker ausgebreitet: ein Lineal, ein Bleistift, ein Radiergummi und der Füller (den liebten wir alle besonders).

Wenn wir Glück hatten, ging Mutter dann - wenn wir Pech hatten - und Pech war oft, setzte sie sich zu uns an den Tisch. Natürlich ausgerechnet zur wohl verdienten Kaffeepause mit Keksen, lechz... aber wir durften ja nicht... Was wir durften war Linien ziehen auf den Geburtstagseiladungen, fast unsichtbar, mit Bleistift, denn die musste man gut und zu 100% wieder wegradieren können, wenn man drauf geschrieben hatte. Die Eltern der anderen Kinder sollten ja nicht etwa denken, mein Kind könnte nicht geradeaus schreiben, wenn keine Linie da ist, oder? Lach...

Und dann starrte meine Mutter, die ja nach eigener Aussage längst aus der Schule war und nicht mehr schön schreiben musste, leicht schmatzend (ich wette das machte sie extra) auf die Karte... auch das war damals anders, ich musste in der Schule aufpassen, lernen war Pflicht, aber wozu sollten die Eltern uns bis zum Abi oder gar durchs Studium füttern... wir waren ja Mädchen und die heiraten eh und kriegen Kinder. Man lernte für die Schule und für andere - denn die anderen sollen ja nicht denken, mein Kind sei dumm. Für sich selbst oder gar für die Zukunft, blödsinn, solche Vokabeln waren damals leider noch nicht erfunden. So war das, so dachte man an der Zonengrenze-West - oder hatte das mit der Region gar nichts zu tun, grübel?

Hilfe, mein Kind hat plötzlich mehr als 15.000 Freunde

Zurück zu den Geburtstagseinladungen - ohne via Facebook, dafür mit Füller und schmatzender Mutter... schiefes Gekritzel oder Schreibfehler verzieh das Papier nicht - tut es übrigens auch heute noch nicht, aber in dieses Gefühl, wenn es dann passiert, kann sich heute ja keiner mehr reinversetzen und auch nicht in die Ohrfeige, die es damals durchaus noch gab.
Man haben die Kids das heute gut... Facebook ist schon auf... Einladungskarten drüber... und via Internet kommt die ganze Welt ins Kinderzimmer. 15.000 Freunde zum Geburtstag in Haus und Garten, man oh man, so viele Besucher hätte manch Künstler gerne bei seinen Konzerten, Hut ab. Und das alles, ohne eine Einladung zu verteilen, es lebe der Fortschritt.

Besser, nein, besser war es damals sicher nicht, aber anders Schlecht. Wir hätten mit dem Schulkopierer nie im Leben 15.000 oder mehr Einladungskarten kopieren können, aber auch gar nicht wollen, glaub ich. Der Kopierer übrigens hatte damals ein Papier, da guckte mehr Holz raus als rein, man konnte echt noch am Papier erkennen welcher Baum das mal war.

Aber, liebe Kids, die heute ja alles so modern via Facebook machen, von Geburtstagseinladungen über Freunde finden die man gar nicht kennt... einen Triumph feiern wir Alten doch über euch, grins... wenn auch einen fragwürdigen!
Flatratesaufen, das hatten wir damals schon erfunden, hiess allerdings Flatrateriechen, denn diese Fotokopien, die haben gestunken nach Alkohol - da konnte man sich besoffen riechen, wenn man regelmässig zur Schule ging und bei der Verteilung der Zettel immer schön hier schrie... ob das nun besser war, das ist wieder ein anderes Thema.

Ich hoffe, die Zeitreise hat euch gefallen, ich war gerne mal wieder in der Vergangenheit.

Bis zum nächsten Mal,

KlaraFall

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